Schreiben auf der Blauen Brücke - Die Schreib-AG am St. Ursula Gymnasium stellt sich vor:

„Schreiben auf der Blauen Brücke“ im Februar 2020

Ltg. Schreibwerkstatt-AG: Doris Freudig und Pascal Emrich

 

Texte der Schreib-AG:

Blaue Brücke

Es ist sehr, sehr kalt. Hätte sie sich nicht einen anderen Ort aussuchen können, um mich zu beschimpfen? Warum ist sie überhaupt wütend auf mich? Sie ist in letzter Zeit immer wütend auf mich, ich würde sie nicht mehr ernst nehmen, ich würde ihr nicht mehr zu hören. Sie redet und redet, findet kein Ende, ohne auf irgendetwas hinaus zu wollen. Wovon sie redet, weiß ich nicht, ich passe schon eine ganze Weile nicht mehr auf. Ein Rabe läuft den Gehweg entlang. Der Wind streift ihm durch Gefieder und plustert ihn auf. Sein Hintern wackelt, wenn er läuft, immer im Rhythmus seiner Schritte, hin-her, hin-her. Sie macht kurz Pause, um Luft zu holen. Hat sie auch nötig, sie hat mich ja gerade 10 Minuten pausenlos angeschrien. Ah, jetzt geht es weiter. Ein Typ fährt auf einem Fahrrad an uns vorbei. Irgendwie erinnert er mich an den Grinch. Guter Film, ich sollte ihn mal wieder schauen. Nur vielleicht nicht mit ihr, dann kann ich mich ja gar nicht konzentrieren. Ah, jetzt sind wir wieder bei ihrem Lieblingsthema angelangt, ich würde nicht zuhören. Das stimmt nicht, ich höre immer zu, zum Beispiel jetzt weiß ich ganz genau, dass sie mich anschreit. Vielleicht ist sie morgen heiser, die Arme. Ich sollte ihr nachher Tee kaufen. Ach stimmt, ich muss ja noch einkaufen! Ich hasse einkaufen, es ist immer so voll und ich verliere meine Einkaufszettel und die langen Schlangen an der Kasse kann ich auch nicht ausstehen. Wieder hat sie kurz inne. Ihre Sonnenbrille hat sich in ihren Haaren verfangen. Warum trägt sie überhaupt eine Sonnenbrille, es ist Winter! Aber so ist sie. Manchmal macht sie Sachen, bei denen niemand weiß, warum. Einmal wollte sie sich selbst Spinat machen. Sie hat die Spinat Blätter in den Mixer getan, aber den Deckel vergessen. Ich habe noch Monate später Spinat Fitzelchen in den Ecken gefunden. Ah, sie konnte ihre Sonnenbrille befreien. Uh, hängen da viele Haare dran. Ihre Haare sind überall, immer. Im Waschbecken, im Bett, auf dem Sofa und natürlich im Essen. Das ist das Schlimmste. Sogar wenn wir in ein Restaurant gehen, finde ich auf meinem Teller ihre Haare.

30 Minuten vorher
Sie wollte mit mir spazieren gehen. Warum das? Wir werden uns ohnehin nur wieder streiten. Nein, nein verspricht sie. Diesmal nicht. Es soll schön sein, wie früher. Als wir draußen sind, greift sie nach meiner Hand. Ihre Hände sind kalt, trotz der Handschuhe, die sie trägt. Sie fängt an, von ihrem Leben zu erzählen, ihrem Job, ihren Freundinnen. Ich will zuhören, ich versuche es wirklich, doch langsam aber sicher beginnt meine Gedanken abzudriften und sich Wichtigeren zuzuwenden. Eine lange Liste. Oh, verdammt sie hat gemerkt, dass ich nicht aufpasse. Schnell mal nicken, das passt immer. Offenbar immer außer jetzt gerade. Oh, jetzt ist sie wieder wütend auf mich…

1 Monat vorher
Sie wirft mir vor, dass ich unachtsam geworden wäre. Das hat sie noch nie gesagt, nie! Es verletzt mich. Eigentlich gebe ich mir immer große Mühe, bei allem, was sie sagt, hinzuhören. Okay, vielleicht gestern als sie mir von einem Streit mit ihrem Chef erzählt hat und ich zwischendurch mal ganz kurz Facebook gecheckt habe. Aber das war das einzige Mal, wirklich. Hey, hey, hey, warum schreit sie jetzt? Und, vor allem, WAS schreit sie? Ich komm nicht mehr mit. Das ist das Schöne an Facebook. Man muss die Menschen weder sehen, noch hören. Das finde ich großartig. Ob sie noch wütender wird, wenn ich sie bitte, mir das alles auf Facebook zu schreiben?

6 Monate vorher
Wenn ich das richtig mitgekriegt habe, haben wir gerade unseren ersten Streit. Sie hat die Küche total mit Spinat eingesaut und ich habe gelacht. Sah aber auch wirklich komisch aus. Die ganze Küche war grün. Jetzt ist es allerdings nicht mehr so komisch. Das hat zwei Hauptgründe; erstens wird das Putzen vermutlich sehr lange dauern und zweitens haben wir, wie bereits gesagt, gerade unseren ersten Streit. Interessant. Ich dachte immer, wenn wir streiten, dann weil ich nicht zu hören würde. Das war jedenfalls das Lieblingsthema meiner Ex. Dabei stimmt es nicht mehr. Ich bin ein ausgesprochen guter Zuhörer! Oh, eine Facebook Message!

Louise Breidenstein, 9

 

Der Mann lebte für die Nächte in dieser Stadt. Dieser Stadt, in der Menschen nur Fahrrad fahren und weite Stoffhosen tragen. Die Tage waren langweilig. Also lebte er für die Nächte. Und natürlich für das, was sie ihm brachten.

Doch dann war sie einfach da gewesen, ohne ein Wort, ohne jegliches Geräusch oder einem Hinweis darauf, wo sie herkam. Nur mit der Nachricht. Der Nachricht, dass er jetzt verantwortlich sei und dass er keine Wahl habe. Er war erschrocken gewesen, natürlich war er das. Er war schließlich noch so jung. So unfassbar jung und doch so viel älter, als dieser Mensch zu seinen Füßen. Sie schaute ihn an, mit diesen riesigen Augen, die für Menschen ihres Alters so üblich waren. Und er nahm sie mit hinein. Wie hätte er zu solchen Augen auch nein sagen können? Er hatte keine Wahl gehabt. Er nahm sie in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr. Dass sie das Schönste auf der Welt sei, das Kostbarste für ihn in diesem Augenblick. Denn natürlich war sie das. Doch was würde nach diesem Augenblick kommen. Würde er sie wegwerfen und vergessen, wie all die anderen vor ihr? Nun konnte er sie nicht mehr vergessen, nun, da sie vor ihm lag. Sie lag dort und war das Hilfloseste, was er je gesehen hatte. Das dachte er zumindest, aber natürlich war das so nicht ganz wahr. Da gab es schon viele vor ihr. Doch für keine vor ihr hatte er solch eine Zuneigung empfunden, solch eine Sicherheit in ihrer Gegenwart. Sie war wirklich etwas Besonderes für ihn in diesem Augenblick. Der nächste würde wieder die Erkenntnis bringen, dass sie es doch nicht war, nur eine von vielen. Die Nächste würde kommen, dessen war er sich sicher. Doch nun war sie da, die, die so vollkommen sein Leben auf den Kopf gestellt hat. Mit ihr an seiner Seite konnte er nicht so weiterleben, wie er das immer gemacht hatte. Er durfte nicht mehr für die Nächte leben. Er musste nun für sie leben und den damit einhergehenden Tag.

Er fand den Tag schon immer ätzend. Die Menschen, die ihren "Sonntagsspaziergang" machten, die unzähligen "umweltbewussten" Menschen, die eine selbst gehäkelte Zipfelmütze auf dem Kopf, mit ihrem Sojamilch -fairtrade-Chai-latte von Starbucks durch die Straßen schlurfen. Er war sich erst nicht ganz sicher, wie er sich verhalten soll, war gewohnt, mit der Dunkelheit zu verschmelzen und nur dann aufzutauchen, wenn er es auch wollte. Mit ihr an seiner Seite war das unmöglich. Also drängte er sich durch die Gassen, vorbei an Umweltschützern und SPD-Mitgliedern, an Hipstern und Drag Queens und sah nicht von ihr auf, zu wichtig war sie ihm. Er konnte gar nicht den Blick von ihr abwenden. Diese Augen. -- Und dann sah er sie. Mitten im Gedränge, die Augen starr auf seine Begleitung gerichtet. Die gleichen Augen, wie die, die neben ihm herliefen.

Rachel Hildebrandt, K1

 

Stilübung der Wartesaal

Weißt du, mein Kleiner, ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Sie handelt von einem Mann, einer roten Thermosflasche und einem Wartesaal. Dieser Mann hat seinen Namen vergessen. Aber er findet das gar nicht so schlimm. Er findet es wichtig, eine Vergangenheit zu haben. Er sagt, das sei die Hauptsache. Er trinkt Tee aus einer Thermosflasche. Aus einer roten Thermosflasche. Der Wartesaal ist immer leer. Der Mann denkt, dass das so ist, weil die Menschen keine Zeit haben, um auf den Zug zu warten. Als dieser Mann mal ein kleiner Junge war, hat er einen Aufsatz geschrieben. In nur einem Satz! Weißt du, was er geschrieben hat, mein Kleiner? Er hat geschrieben, dass sein Ziel das Altersheim ist! Dann lächelt der Mann und schaut auf die Uhr und denkt an die Züge, die er heute schon verpasst hat. Wenn du ihn eines Tages triffst und ihn fragst, was sein Beruf ist, dann sagt er, dass es sein Beruf ist, auf der Bank zu sitzen und Züge zu verpassen und seinen Namen zu vergessen.

Louise Breidenstein, 9

 

Eine Frage der Perspektive

Ich leine den Hund an. Er schleckt mir erfreut das Gesicht ab und ich muss lachen – dabei ist es früher Morgen und ich bin eigentlich ein Morgenmuffel. Ich öffne die Tür und der Hund schießt los, ich kann ihn kaum noch halten. Dann aber los, sonst macht der noch auf die Türmatte und mein Mann regt sich wieder auf. Auf der Straße merke ich, dass ich meinen Morgenmantel vergessen habe. Wahrscheinlich gibt`s wieder Tratsch -aber egal. Mit hoch erhobenem Kopf schreite ich durch die Straße. Meine Hausschuhe machen leise schmatzende Geräusche auf dem nassen Gehweg. Hinter ihren blank geputzten Fenstern steht meine Nachbarin. Sie war Putzfrau und ist stolz darauf, sehr stolz. Wie sie mir immer vorhält, dass sie einen Job hatte und hart gearbeitet hat um ihre kleine – ach so perfekte – Tochter groß zu ziehen. Der Hund schnuppert interessiert. Gerade will ich mich bücken, um zu sehen, was ihn so interessiert, da rennt er plötzlich los. Ich knalle voll hin. Na toll. Mal wieder Klatsch für ein paar Wochen. Ich rappele mich auf und verlasse eilends die Straße.

Ich gehe kurz vom Herd weg, um aus dem Fenster zu sehen. Da läuft doch schon wieder diese Versagerin von gegenüber mit ihrer Töle durch die Gegend. Im Morgenmantel und Hausschuhen. Na ja, von so einer chaotischen Person- im Garten von der wächst mehr Unkraut als Gras- kann man ja nichts anderes erwarten. Hat es zu nichts gebracht- keinen Job, keine Kinder, keinen Ehrgeiz, keinen Anstand. Ohne ihren Mann würde die schon längst auf der Straße sitzen. Wobei … Die von nebenan hatte ja erzählt, dass sie ihn mal stockbetrunken gesehen hatte … allesamt Versager. Da schnuppert diese Töle schon wieder – diese ekelhaften Hunde – und- die Frau fällt hin. Wie idiotisch kann man sein? Ich gehe zurück zu meinem Herd und nehme die Pfanne herunter.

Lena Eckermann, 9

 

Flieg einfach weg

Schauspiel auf der Bühne des Lebens
Alles vergebens
Die Verbindung ist unterbrochen
Dein Herz hat sich verkrochen

Die Ressourcen wurden ausgenutzt
Die Wände nicht richtig verputzt
Dein Lachen hat sich vom Gesicht geschlichen
Nur deine Tränen sind nicht gewichen

Du hast dich verändert
Du bist gerändert
Es hat Dir nichts gebracht
Nur Sorgen gemacht

Sei immer du selbst
Wenn dich nichts mehr hält
Lass alles los
Und flieg

Luisa Link, 9

 

Das Ich

Zwei Bilder. So unterschiedlich. So gleich. Sie liegen beide vor mir. Links hat sie die Augen geschlossen. Was denkt, was empfindet sie? Ein leichtes Lächeln bedeckt ihre Lippen. Friedlich? Spöttisch? Oder einfach durch einen Zufall, eine klitzekleine, einem Lächeln ähnelnde Bewegung des Mundes, von der Kamera aufgefangen? Die Haare wirr, über die Schultern hängend, lediglich die vorderen Strähnen zu einem unordentlichen Knoten auf dem Kopf zusammengefasst. Rechts ganz anders, doch mit nur zwei Unterschieden. Der Mund leicht geöffnet, das Lächeln nimmt eindeutig spöttische Züge an. Oder immer noch bloß ein Zufall? Dann die Augen. Groß, weit geöffnet. Sie schaut den Betrachter an. Sie schaut mich an. Ein Hauch verschmierter Mascara verdunkelt ein unteres Augenlied. Doch die gleichen wirren Haare, die gleiche Nase, das gleiche Gesicht. Sie schaut mich an. Nein, das ist nicht sie.

Das bin ich.

Louise Breidenstein, 9